The Case Uwe Barschel: A Modern Honor Tragedy

(chapter in "Politische Kommunication", Nomos Verlag, 2006

Wohl kein politischer Skandal hat die Bundesrepublik Deutschland so erschüttert wie die so genannte Barschel-Pfeiffer-Affäre. Das liegt nicht zuletzt an der suggestiven Kraft der Bilder und der Worte, die der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dieser Affäre bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Wer könnte die Bilder von der Ehrenwort-Pressekonferenz am 18. September 1987 vergessen, während der der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Dr. Dr. Uwe Barschel an die Öffentlichkeit appellierte: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole, mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“ Wenige Wochen später, am 11. Oktober 1987, fanden und fotografierten Reporter des Magazins der Stern den toten Uwe Barschel in der Badewanne des Genfer Hotels „Beau Rivage“. Die¬ses Bild brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein und gab zu zahlreichen Spekulationen Anlass.

Selbst nachdem in den Jahren 1998 bzw. 1999 die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaften in Lübeck und Genf endgültig geschlossen wurden und damit stillschweigend „Fremdverschulden“ als nicht belegbar und daher die Selbstmordthese als gültig angenommen werden darf, halten insbesondere die Angehörigen sowie diverse Autoren an Mord- und Verschwörungstheorien fest.

Dessen ungeachtet soll in dieser Arbeit untersucht werden, ob es einen nachweisbaren sozialpsychologischen Zusammenhang zwischen der Publikation der Barschel-Pfeiffer-Affäre und den von ihr ausgelösten Ereignissen sowie dem Suizid von Uwe Barschel gibt. Insbesondere soll untersucht werden, ob der öffentliche Verlust von Ansehen und Reputation eine entscheidende Rolle gespielt haben. Dabei folgt dieser Aufsatz in der Ereignislogik der Annahme des Thomas-Theorems, die besagt, dass die Menschen ihr Handeln an dem ausrichten, was sie für real halten, ganz egal ob dies nun den realen Tatsachen entspricht oder nicht. Wesentliche Elemente, die für diese Untersuchung eine Rolle spielen, sind der Medientenor sowie die öffentliche Meinung. Unter ihrem Eindruck stand Uwe Barschel, als er damals handelte und seine Entscheidungen fällte. Aus diesem Grund ist es auch nicht so entscheidend, ob alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zutreffen oder nicht. Diese Frage kann dieser Aufsatz auch gar nicht beantworten, denn dies ist nicht einmal den beiden parlamentarischen Untersuchungsausschüssen gelungen, die sich um die Aufklärung dieser Affäre bemüht haben. Insbesondere die Frage, wer denn nun der eigentliche Urheber der Vorgänge in der Kieler Staatskanzlei war, die als Barschel-Pfeiffer-Affäre bekannt geworden ist, muss unbeantwortet bleiben. Während der erste Untersuchungsausschuss ganz klar Uwe Barschel als den Hauptverantwortlichen benannte, rang sich der zweite Untersuchungsausschuss 1995 zu das vage Ergebnis ab: „ ... der CDU-Politiker trage nicht für alle Verfehlungen die Verantwortung. Möglicherweise komme Medienreferent Pfeiffer als Drahtzieher für die Aktionen gegen die parlamentarische Opposition in Frage. Gleichwohl habe Barschel dafür die politische Gesamtverantwortung.“ Tatsächlich scheint die Interpretation der Sachlage eher von der politischen Position als von gesicherten Fakten und vertrauenswürdigen Zeugen abzuhängen, denn vieles lässt sich einfach nicht mehr rekonstruieren.